«Wieso jagst du nicht?»

Di, 27. Jul. 2021
Regisseur Mario Theus nimmt die Zuschauer mit in die Welt der Jagd. Bild: Roger Wetli

Im Open-Air-Kino in Wohlen präsentierte Regisseur Mario Theus seinen Jagdflm

Nur wenige Kinobegeisterte fanden am Freitagabend den Weg ins Open-Air-Kino in Wohlen. Sie sahen mit «Wild – Jäger und Sammler» einen Film, der sie so schnell nicht wieder loslassen wird. Regisseur Mario Theus will damit die Essenz der Jagd begreifbar machen.

Roger Wetli

«Die Frage ist nicht: Wieso jagst du? Sondern: Wieso jagst du nicht?», stellte Mario Theus im Gespräch mit dieser Zeitung eine entscheidende Frage. Schaut man seinen Film, ergreift einen sofort das Bedürfnis, Teil dieses grossen Ganzen aus Landschaft, Wetter, Tier und Mensch zu werden – und darin mit grossem Respekt vor dem Lebenden Beute zu machen.

Dabei lebt Mario Theus’ Film «Wild – Jäger und Sammler» nicht von reisserischen, muskulösen Männern, die mit ihrer Waffe laut auf alles schiessen, was sich bewegt, sondern von Persönlichkeiten, die sich ganz bewusst in der grossartigen Schweizer Bergwelt bewegen. Darunter sind auch eine Wildhüterin und ihre Tochter. Es ist ein leiser Film mit kantigen Charakteren. In den steilen Felsen, kargen Bergwiesen und knorrigen Wäldern wirken sie so verletzlich wie das Wild, das sie erbeuten möchten.

Mehr Demut als Euphorie

Vier Jahre lang war der Forstingenieur, Naturfilmer und Jäger Mario Theus für diese Dokumentation mit der Kamera unterwegs. Wenn er die Jäger begleitete, tauschte Theus seine Waffen gegen Aufnahmegeräte. «Da ich die Abläufe kenne, verhielt ich mich wie ein Jäger. Die Gefilmten vergassen dadurch meist meine Kamera», erklärt der Regisseur. «Mein Ziel ist es, dass die Zuschauer das Gefühl erhalten, wirklich dabei zu sein und die Jagd mit allen Sinnen zu erleben.» Theus’ Bilder wirken dabei unaufgeregt und ruhig. Euphorie kommt nur dann auf, wenn gerade ein Tier erlegt werden konnte, um gleich wieder einer Demut zu weichen.

«Jäger zu finden, die sich lmen lassen, ist einfach», erklärt Mario Theus. «Viele Jäger würden aber mitmachen, um sich zu profilieren und Anerkennung zu gewinnen. Das wollte ich nicht.» Er fand Persönlichkeiten, die der Jagdphilosophie entsprechen, die er zeigen möchte. Darunter der Nidwaldner Bergbauer Andreas Käslin, den man auch bei der Geburt eines Kalbes zu sehen kriegt. Aber auch der ehemalige Walliser Wilderer Urs Biffiger, der heute seine Erfüllung im «Sammeln» von Kameraaufnahmen von Wildtieren findet. Und Theus stellt auch sich und seine Familie vor. So wird man Zeuge, wie sein 6-jähriger Göttibub und Neffe zum ersten Mal den Regisseur, seinen Vater und seinen Bruder auf die Jagd begleitet.

Abenteuer seines Lebens statt Trauma

«Eine an der Urne gescheiterte Initiative wollte verbieten, dass man Kinder auf die Jagd mitnimmt. Die Initianten gaben an, den Nachwuchs damit vor Traumata und Gewalt zu schützen», schüttelt Mario Theus den Kopf. «Das Gegenteil ist der Fall: Wäre ich nicht selber früh auf die Jagd, hätte man mir das Abenteuer meines Lebens genommen.» Im Dokumentarfilm wird das Beutemachen als etwas völlig Natürliches greifbar – als Teil eines geschlossenen Kreislaufs aus Werden und Vergehen.

Verpasste Chance

Die vielen nationalen und kantonalen Abstimmungen zur Jagd sieht Mario Theus als Chance. «Wir Jäger werden dadurch wahrgenommen und erhalten eine grosse Plattform», ist er überzeugt. Wobei die letztjährige nationale Abstimmung eine Jahrhundertchance der Jäger gewesen wäre, sich für den Schutz bedrohter Arten einzusetzen. «Dafür hätten sie für ein ‹Nein› werben müssen. Mit der ‹Ja›-Parole haben sie sich vor den Karren der Landwirtschaft spannen lassen. Denn im Gesetz ging es in erster Linie um landwirtschaftliche Interessen.»

Theus sieht in Jagd und Bauernwesen zwei völlig unterschiedliche Philosophien: «Der Landwirt grenzt für sich ein Stück Land ab und sagt, dass das ihm gehört. Dann bekämpft er alles, was ihm darauf nicht willkommen ist», so der Regisseur. «Der Jäger dagegen hält wenig von Grenzen, nimmt die Natur als Ganzes wahr und lässt dem Tier die Chance, nicht getötet zu werden.» Trotz dieser Kritik schafft Theus mit dem Bergbauern Käslin auch eine Verbindung zwischen Jägern und Landwirten.

«Wild – Jäger und Sammler» soll den Kern der Jagd beleuchten. «Die hier gezeigten Beutemacher sind ungefiltert sie selber», weiss Theus. «Jäger verbiegen sich oft vor Nichtjägern, weil sie meinen, dass man sie sonst nicht akzeptieren würde. Sie sollten aber zum Töten stehen.» Jede Person, die Fleisch esse, würde direkt oder indirekt einem Tier das Leben nehmen. «Nur wird das heute in grossen Schlachthöfen abgeschirmt von der Gesellschaft gemacht. Im Grossverteiler verkommt dann das Fleisch zum seelenlosen Produkt, was es eigentlich nicht ist.» Der Jäger dagegen habe sein Beutetier beobachtet, bevor er es erlege.

Wie eine Höhlenmalerei

Für Mario Theus ist es der erste Kinofilm. «Ich war genug frech, daran zu glauben, dass es klappt», lacht er. Es sei einer seiner Lebensträume. «Das Bedürfnis, von der Jagd zu erzählen, ist bei mir wohl so tief drin wie bei den Urmenschen, die einst Jagdszenen an Höhlenwände gemalt haben.» Ein solcher Film soll einen Beitrag an die Gesellschaft leisten, in die Welt der Jäger einzutauchen. «Wenn mir das gelungen ist, bin ich sehr zufrieden», so Theus. Das ist es ihm, wie die Zuschauerreaktionen nach dem Film zeigten.

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