Die Pracht der Tracht

Di, 27. Jul. 2021
Ein Zimmer ihrer Wohnung in Birri ist noch immer das Atelier von Margrit Allenbach, auch wenn es die Trachtenschneiderin nur noch selten braucht. Bilder: Annemarie Keusch / zg

Wie viele Trachten Margrit Allenbach aus Birri in den letzten 40Jahren genäht hat, weiss sie nicht. Doch es waren viele, sehr viele sogar. Jetzt will die 76-jährige Trachtenschneiderin kürzertreten. --red


Der Stolz einer Trachtenfrau

Margrit Allenbach aus Birri war während vier Jahrzehnten Trachtenschneiderin

Stoffe faszinieren Margrit Allenbach. Schon seit sie ein kleines Mädchen war. Entsprechend war Schneiderin ihr Berufswunsch. Per Zufall absolvierte sie die Zusatzausbildung als Trachtenschneiderin und fand darin ihre Berufung. Doch der Trachten-Boom ist vorbei, Anfragen bleiben aus. Auch altershalber tritt Margrit Allenbach nun kürzer.

Annemarie Keusch

«Wenn ich oft Nein gesagt hätte, wenn mich jemand um etwas bat, hätte ich sehr viel Lebenserfahrung verpasst.» Margrit Allenbach ist zufrieden damit, wie es gekommen ist. Sie ist froh, Ja gesagt zu haben, als Martha Stöckli, damals langjährige Trachtenberaterin aus Boswil, sie fragte, ob sie Trachtenschneiderin werden will. «Unsere Kinder gingen alle zur Schule. Es war eine strenge Zeit. Trotzdem sagte ich Ja, weil ich wusste, dass wieder Zeiten kommen, in denen ich froh bin um eine Beschäftigung, die mich ausfüllt.»

1981 wurde Margrit Allenbach an der Delegiertenversammlung des kantonalen Trachtenverbandes das Diplom als Trachtenschneiderin übergeben. Es war das Ende einer nicht immer einfachen Ausbildung. Zumal Allenbach mit Trachten eigentlich gar nichts am Hut hatte. «Ich hatte keine Ahnung davon», sagt die 76-Jährige heute und lacht. Mittlerweile hat sie ganz viel Ahnung, vier Jahrzehnte Erfahrung. Aber als sie, frisch in der Ausbildung bei Frau Käppeli in Mühlau, den Stoff und die Stickerei für den Latz ihrer Sonntagstracht auswählen sollte, hatte sie «keinen blassen Schimmer».

Selber nach der Lehrstelle gefragt

Es gehört zur Ausbildung als Trachtenschneiderin, dass sich die Aspirantinnen zuerst selber eine Tracht nähen. Margrit Allenbach blickt zurück: «Fleissig habe ich genäht, wie es mir fortlaufend beigebracht wurde. Und schon bald stand ich stolz in meiner eigenen Tracht vor dem Spiegel.» An der Bundesfeier in Boswil, wo sie damals noch wohnte, habe sie diese zum ersten Mal getragen. «Ich stolzierte wie ein Gockel.»

Dass Margrit Allenbach Schneiderin werden wollte, war für sie früh klar. Basteln gehörte immer zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Und auch wenn ihr Vater sich wünschte, sie hätte das KV gemacht, nahm sie in der Oberstufe das Heft selber in die Hand. «Ich ging beim Atelier von Frau Meyer in Villmergen vorbei, klingelte und fragte, ob sie für den Frühling eine Lehrtochter suchen», erinnert sie sich. Ihr Mut wurde belohnt und nach einem Jahr im Welschen konnte die junge Frau, die in Dottikon aufwuchs und nun seit fünfzehn Jahren in Birri lebt, ihren Traumberuf lernen.

Boom flachte in den letzten Jahren ab

Sonntagstracht, Ausgangstracht, Werk tagstracht, Festtagstracht. Margrit Allenbach hat in den letzten vier Jahrzehnten viele davon angefertigt. «Wie viele? Das weiss ich nicht, ich habe aufgehört zu zählen.» In ihren Anfängen als Trachtenschneiderin habe es in der Region einen regelrechten Boom gegeben. Ihre jährlich zwei bis drei Kurse, an denen die Teilnehmerinnen innerhalb einer Woche unter Allenbachs Anleitung ihre eigene Tracht nähten, waren äusserst beliebt. Auch in der Migros-Klubschule und bei der Volkshochschule waren ihre Kurse gefragt.

Heute ist das anders. «Ja, dieser Boom ist schon länger vorüber.» Neuanfertigungen machte die 76-Jährige in den letzten Jahren nur selten. Vielmehr sind es Änderungen, die sie vornahm. «Nach wie vor beliebt sind die Kindertrachten», sagt sie. Die kleinste Tracht nähte sie einst für ein zweieinhalb Jahre altes Mädchen. Unglücklich, dass sie nicht mehr derart ausgelastet ist wie in den letzten Jahrzehnten, ist Margrit Allenbach nicht. «Ich will sowieso kürzertreten.» Eine Nachfolgerin gibts, aber auch bei ihr bleiben die Aufträge aus. «Es ist nicht einfach, auch weil aktuell keine Trachtenanlässe stattfinden können», sucht sie nach einer Erklärung.

Eine aufwendige Arbeit

Eine Tracht zu nähen, ist aufwendig. Das weiss Margrit Allenbach wie kaum eine andere. Rund 36 Stunden Aufwand brauche eine Sonntagstracht. «Bis nur der ganze Stoff beieinander ist.» Hohlsäume nähen, alles genau abmessen, exakt arbeiten – das braucht Zeit. Die aufwendigen Stickereien liess Allenbach immer anfertigen. «Die brauchen nochmals so viel Zeit wie das Nähen selber», weiss sie.

Auch wenn der Aufwand gross ist, Margrit Allenbach hat es gerne gemacht. «Es ist so viel Schönes entstanden, viele wertvolle Begegnungen», sagt sie. Etwa, als sie im letzten Jahr eine Freiämter Ausgangstracht für die Frau eines Schweizergardisten aus Boswil anpassen durfte. Oder als sie einer 82-jährigen Frau für ihre goldene Hochzeit eine Tracht anfertigte. All diese Begegnungen und Erlebnisse hat sie in Alben fein säuberlich festgehalten. Und auch selber trägt Margrit Allenbach die Tracht heute noch gerne, ob an der Bundesfeier, an Fronleichnam oder ab und zu an Trachtenfesten und -abenden. «Die Tracht ist das schönste Kleid», findet sie.

Bis nach Neuseeland

Dass an der Tracht viel vorgegeben ist und sie nicht ihrer Kreativität freien Lauf lassen kann, störte Margrit Allenbach nie. «Ich finde sogar, dass es so einfacher ist.» Tradition ist ihr wichtig, dass die Tracht mit Hut und Schmuck erst komplett ist, ist für sie zentral. «Es geht nichts über korrekt gekleidete Trachtenfrauen», sagt sie und lacht. Was aber nicht heisse, dass die Mode gar keinen Einfluss habe. «Gerade bezüglich Farben gibt es schon Spielraum.»

Konzentriert hat sich Margrit Allenbach in den vier Jahrzehnten als Trachtenschneiderin auf die Freiämter Tracht. «Ein wunderschönes Modell», sagt sie dazu. Fast allen Trachtenfrauen in der Region ist sie ein Begriff.

Ihre Werke sind aber weit über das Freiamt hinaus bekannt. Stolz berichtet sie, dass ihre Trachten auch nach Japan, Australien oder Neuseeland geliefert wurden. Entsprechend leichter fällt ihr der Abschied von ihrer Tätigkeit als Trachtenschneiderin, die sie immer mit viel Herzblut und Leidenschaft ausübte. Margrit Allenbach weiss, dass ihre Trachten noch jahrzehntelang im Freiamt und weit darüber hinaus präsent sein werden.

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