Impfen mit Hürden

Fr, 26. Feb. 2021
Wer sich in der Zielgruppe 1 impfen lassen will, aber Probleme mit der Anmeldung hat, dem wird im Freiamt geholfen. Bild: Susanne Schild

Boswil bietet Hilfe bei der Impfanmeldung an

Bereits 15 Seniorinnen und Senioren haben die Unterstützung der Gemeinde in Anspruch genommen.

Momentan kann man sich in den Impfzentren als Impfwilliger nur online mittels eines Computers oder Smartphones anmelden. Doch gerade die Zielgruppe 1 verfügt oftmals nicht über diese technischen Mittel. Die Gemeinde ist deshalb aktiv geworden und unterstützt impfwillige Senioren seit 11. Februar bei der Anmeldung. Eine Aktion, die auch bei anderen Gemeinden im Freiamt auf Zustimmung trifft.


Wenn Impfen am Anmelden scheitert

Seit 11. Februar bietet die Gemeinde Boswil Senioren Hilfe bei der Impfanmeldung an

Bereits 15 Personen haben die Unterstützung seitens der Gemeinde in Anspruch genommen. Insgesamt wurden 230 Personen angeschrieben und über die Hilfestellung informiert. Auch bei anderen Gemeinden und Institutionen stösst die Aktion auf offene Ohren.

Susanne Schild

Bilder von Senioren in den Impfzentren, die nach der Corona-Impfung stolz ihren Arm mit Pflaster in die Kamera halten, waren kurz nach dem Start der Immunisierung in allen Medien zu sehen. Mittlerweile ist jedoch klar: Die Impfungen laufen schleppend. Das liegt zum einen am mangelnden Impfstoff, aber auch daran, dass nicht alle Menschen, die zur priorisierten ersten Gruppe zählen, Zugang zu einer Impfung haben. Seit dem ersten Februar betreibt das Spital Muri im Haus 6 ein Impfzentrum. Es ist der vierte Impfstandort im Kanton. Die Anmeldung erfolgt wie für die anderen Impfzentren über www.ag.ch/covid-impfanmeldung.

Für Personen ohne Internetzugang und Mobiltelefon bieten die Aargauer Apotheken Unterstützung bei der Terminregistrierung an. Doch nicht alle Gemeinden haben eine eigene Apotheke. Über die Hausärztinnen und Hausärzte sind zurzeit keine Termine zu erhalten.

Die Informationen erreichen die Zielgruppe zu wenig

Ende letzter Woche informierte der Kanton via Regierungsrat Jean-Pierre Gallati, dass der Aargau anderen Kantonen mit Impfstoff aushelfe. Das machte den Boswiler Gemeinderat Jakob Dolder hellhörig. Er fragte sich, ob es an der Impfskepsis der Aargauer Senioren liege oder ob es noch andere Ursachen haben könnte. Er besuchte das Impfzentrum in Muri und hatte den Eindruck, dass nur sehr wenige über 80-Jährige dort geimpft werden. «Ich dachte mir, dass der Eindruck täuschen kann und rief deshalb dort am letzten Montag an», erklärt Dolder. Dort wurde ihm sein Eindruck nach einer Woche Impftätigkeit bestätigt. Für ihn als Marketingfachmann war klar, dass die Informationen, wie und wo man sich zum Impfen anmelden kann, zu wenig an die Zielgruppe Nummer 1, also die über 75-Jährigen, gelange. Daraufhin fragte er sowohl im Impfzentrum Muri als auch beim Kanton an, ob eine Unterstützung durch die Gemeinde erwünscht ist. Dies wurde von beiden Seiten bejaht. «Danach hielt ich Rücksprache mit dem Gemeinderat», so Dolder weiter. Man kam zu dem Entschluss, dass die Gemeindeverwaltung Boswil der Zielgruppe 1 bei der Anmeldung behilflich sein wird.

Online-Anmeldung für viele Senioren nicht möglich

Denn registrieren kann man sich nur über das Internet. Gerade eine Online-Anmeldung ist für nicht wenige der über 80-Jährigen schlicht nicht machbar. Nicht alle der älteren Generation besitzen einen Computer oder gar ein Smartphone. Und nicht immer ist ein internetaffiner Angehöriger in der Nähe, der helfen kann. «Jede Person muss frei entscheiden können, ob sie eine Impfung wünscht oder nicht. Es kann aber nicht sein, dass sich Senioren impfen lassen wollen, aber nicht wissen wie», moniert Dolder.

Deshalb sei man in Boswil aktiv geworden. Koordiniert hat die Aktion Nicole Huber, stellvertretende Gemeindeschreiberin. Am 11. Februar wurde im Amtlichen Anzeiger sowie auf der Homepage der Gemeinde ein Inserat veröffentlicht, dass man den Einwohnern, also Personen ab 75 Jahren, und Personen, welche zur Risikogruppe gehören, Hilfestellung bei der Anmeldung zur Covid-19-Impfung anbiete. Personen ab 75 Jahren erhielten zudem einen Brief, worin sie über die Unterstützung bei der Anmeldung für die Impfung informiert wurden. «Insgesamt wurden 230 Briefe verschickt», so Huber. «Wir bieten Einwohnern unsere Hilfe bei der Registrierung zur Anmeldung der Covid-19-Impfung über die Homepage des Kantons Aargau an. Wir gehen mit der Person den Anmeldevorgang mit den Fragen für die Terminregistrierung durch. Der Fahrdienst ist durch die jeweilige Person bei Erhalt der beiden Impftermine selber zu organisieren», erklärt Nicole Huber das Vorgehen.

Noch halte sich der Arbeitsaufwand für die Aktion in Grenzen. «Die Publikation, der Versand der Briefe haben rund vier Arbeitsstunden gedauert. Bei einer Anmeldung kommen rund 15 Minuten dazu. Bei 15 Anmeldungen sind dies rund vier Stunden. Demnach liegt der Arbeitsaufwand bis heute bei rund einem Tag.»

Die Aktion regional weiterdenken

Auf Nachfrage bei der Gemeindeverwaltung Merenschwand wurde bestätigt, dass man dort auch allen Menschen der Zielgruppe 1 bei Bedarf bei der Anmeldung behilflich sein will. «Wir werden im Amtlichen Anzeiger und auf der Homepage publizieren, dass Menschen, die sich nicht selber zur Impfung anmelden können, dies aber möchten, sich bei der Gemeindeverwaltung melden können», informiert Gemeindeschreiber Christoph Riner.

In der Gemeinde Waltenschwil sind hingegen keine solchen oder ähnliche Aktionen geplant. «Bei Bedarf ist die Gemeinde bzw. die Verwaltung gerne bereit, Hilfestellung bei der Anmeldung zu bieten. Aus Sicht der Gemeinde Waltenschwil ist die Impfung aber einer persönliche und private Angelegenheit jedes Einwohners. Eine Werbeaktion der Gemeinde ist daher nicht geplant», stellt Gemeindeschreiber Frank Koch klar. «Was Boswil hier macht, ist ein guter Ansatz», lobt hingegen der Murianer Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger. Man sei interessiert daran, mehr über die Hilfsaktion zu erfahren und daraus zu lernen. «Ich glaube, man sollte diesen Gedanken regional weiterdenken. Nicht jede Gemeinde muss das Rad neu erfinden», ergänzt Budmiger. Als Präsident der Fachgruppe Alter und Gesundheit der Repla würde er sich der Thematik gerne annehmen. «Ich habe die Aktion bereits der Fachgruppe vorgestellt. Nächste Woche werden wir das weiter diskutieren.» Wichtig ist dem Gemeindepräsidenten, dass das Angebot als eine Unterstützung gesehen wird und nicht als eine Aufforderung seitens der Gemeinden, sich impfen zu lassen. «Wer sich impfen lassen will, muss wissen, dass ihm, wenn er Hilfe benötigt, geholfen wird.»

In Muri würde man bereits Unterstützung durch die Apotheken anbieten. Aber in Orten, die keine Apotheken hätten, sei die Hilfe seitens der Gemeinde eine sinnvolle Alternative. Lukas Wild, Inhaber der Egg-Apotheke in Muri, bestätigt, dass in Muri Gebrauch von der angebotenen Hilfestellung bei der Impfanmeldung gemacht wird. «Wir bewegen uns hier in einer ähnlichen Grössenordnung wie in Boswil. Man helfe bereits seit Längerem, betont der Apotheker. Bereits als die Impfzentren in Aarau und Baden eröffnet wurden, stand man den Impfwilligen bei Fragen und Anmeldeschwierigkeiten zur Seite, und das kostenlos. «Auch die Ärzte sollten hier in die Pflicht genommen werden. Doch da die Unterstützung kostenlos erfolgt, gestaltet sich das schwierig», moniert Wild.

Die Pro Senectute Bezirk Muri vertritt die kantonale Haltung der Pro Senectute Aargau. «Lassen Sie sich impfen, es schützt Sie persönlich und ist ein Akt der Solidarität», lautet die Botschaft. «Wir sind da, um allen Seniorinnen und Senioren im Freiamt neutral-beratend zur Seite zu stehen und sie in ihren Anliegen zu unterstützen oder zu begleiten. Gerne stehen wir zur Verfügung auch telefonisch unter 056 664 35 77», informiert Pia Lauper, Stellenleiterin der Pro Senectute Bezirk Muri.

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