Keinen anderen Ausweg

Di, 24. Nov. 2020
Die Gaststube ist leer. Nach gut zwölf Jahren als Wirt im «Sternen» bleibt Danny Bakker nur noch das Aufräumen. Bild: Annemarie Keusch

Das Gasthaus Sternen in Boswil ist geschlossen – Wirt Danny Bakker gibt auf

Das Coronavirus fordert sein nächstes Opfer im Gastgewerbe. Seit letztem Dienstag sind die Türen des Gasthauses Sternen in Boswil geschlossen. Nach mehr als zwölf Jahren sah sich Wirt Danny Bakker zu diesem schweren Schritt gezwungen.

Annemarie Keusch

Er wollte es lange nicht wahrhaben. Aber im Hinterkopf war dieses Szenario. «Seit Anfang Jahr spürten wir das Coronavirus», sagt Danny Bakker. Bis im März nächsten Jahres wären es 180 Anlässe, die abgesagt wurden. «Neue kamen keine hinzu.» Danny Bakker spricht leise, ruhig. «Es gab keinen anderen Ausweg mehr», sagt der 50-Jährige. Der «Sternen» im Herzen von Boswil ist geschlossen.

Am Sonntag vor einer Woche fällte er den Entscheid. Eigentlich setzte er sich hin, um neue, kleinere Speisekarten zu schreiben. «Damit die Menüs, die wir anbieten, frisch sind und wir nicht zu viel wegwerfen müssen», erklärt der Koch. Beim Schreiben dieser Menükarte habe es Klick gemacht. Zwei Tage später war Schluss. Seither steht das Schild mit der Aufschrift «Wegen Coronavirus geschlossen» vor dem Restaurant.

Den grossen Traum aufgeben

Danny Bakker spricht von Trauer, aber auch von Wut. Er hätte sich von den Behörden mehr Unterstützung gewünscht, auch von der Versicherung. Und er sagt: «Die Rahmenbedingungen änderten andauernd. Da kommt niemand mehr nach, was gerade zählt und was nicht.» Monat für Monat war die unterste Zahl der Abrechnung rot. «Woche für Woche Geld drauflegen und trotzdem unzählige Stunden arbeiten – es geht nicht mehr.»

Damit gibt Danny Bakker seinen Traum auf, den er sich vor gut zwölf Jahren erfüllte: ein eigenes Restaurant zu führen. Mit ihm traurig sind die Mitarbeitenden, die am Schluss noch im «Sternen» tätig waren. Und auch die Bevölkerung. «Es gab Leute, die weinten vor den verschlossenen Türen», sagt Bakker.


Müde vom langen Kampf

Nach gut zwölf Jahren gibt Danny Bakker seinen Traum auf – der «Sternen» in Boswil ist geschlossen

Seit einer Woche ist die Tür des Gasthauses Sternen geschlossen. Drinnen sind Aufräumarbeiten im Gange. «Ein trauriges Bild», sagt Danny Bakker mit Blick ins Restaurant. Dort, wo vorher die Gäste sassen, sind die Stühle auf den Tischen. Das Coronavirus fordert mit dem «Sternen» in Boswil sein nächstes Opfer in der Gastronomie.

Annemarie Keusch

Danny Bakker überlegt. Was er im Nachhinein anders machen würde? «Nichts.» Es habe viele wunderschöne Momente gegeben. «Wenn die Gäste sagen, sie fühlen sich bei uns wie zu Hause, dann ist es das Schönste, was sich ein Wirt wünschen kann.» Ein Lächeln huscht über Danny Bakkers Gesicht, obwohl ihm überhaupt nicht zum Lachen zumute ist. Seit dem definitiven Entscheid, den «Sternen» zu schliessen, ist noch keine Woche vergangen. «Die ersten drei Tage nach dem Entscheid verbrachte ich quasi nur im Bett.» Zu viele Emotionen seien es, die ihn beherrschen. Trauer, Wut, Enttäuschung. «Ich bin müde von der Kämpferei in den letzten Monaten.»

Danny Bakker sagts nicht nur so, er wirkt auch so. Die Stimmung im stattlichen Riegelhaus an der Zentralstrasse ist getrübt. Im Hintergrund räumen zwei Frauen auf, die eine sortiert Weingläser, die andere putzt. Die Zahl der Angestellten ist stark geschrumpft. «In den besten Zeiten zählte das Team 16 Festangestellte», sagt Bakker. Am Schluss waren sie mit ihm zu viert. Es war eine der Massnahmen, die den «Sternen» hätten retten sollen. Sie griff nicht – oder zu wenig.

Grosse Unterstützung aus dem Dorf

Seit Mai 2008 wirtet Danny Bakker in Boswil. Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Irene Bakker, die vor einigen Jahren ausstieg, erfüllte er sich den Traum des eigenen Restaurants. Der gebürtige Holländer lebt seit 1992 in der Schweiz, war vorher als Koch unter anderem in der Algarve angestellt und baute in Mosambik einen Partyservice auf. Bakker lebte in Ägeri, als Freunde aus Boswil ihn kontaktierten: «Jetzt haben wir etwas für dich.» Es ging schnell und Danny Bakker startete im «Sternen».

Er erzählt von guten Zeiten, von der grossen Unterstützung aus dem Dorf. «Manchmal war kein einziges Auto auf dem Parkplatz abgestellt, das Restaurant aber trotzdem voll. Wir wurden in Boswil unglaublich gut aufgenommen.» Von den Handwerkern, die sich Tag für Tag zum Znüni trafen, bis zum gehobenen Nachtessen – der «Sternen» war für alle eine beliebte Adresse.

Kaum Platz, um Konzepte umzusetzen

Mit der Coronakrise begann die schwierige Zeit. Die Gäste blieben aus. «Das ist doch verständlich, wenn der Bundesrat sagt, man solle Kontakte meiden und am besten zu Hause bleiben.» Danny Bakker sagt diesen Satz lauter. Auch wenn das Gasthaus und der Saal ihm gehören, blieben die monatlichen Fixkosten hoch. Miete, etwa für Parkplätze, oder die Räumlichkeiten des Caterings, Versicherungen, Löhne. «Die Rechnung ging schlichtweg nicht mehr auf.» Auch, weil die Platzverhältnisse im Gasthaus beschränkt sind, die Räume klein. «Es reichte fast nicht, um die immer neuen Konzepte gut umsetzen zu können.» Auf einen Lieferservice verzichtete Bakker, «das rechnet sich für uns nicht». Take-away bot er schon länger an.

Seit einer Woche ist es definitiv. Und Danny Bakker spricht es deutlich aus. «Für mich ist es eine Schliessung für immer.» Wie es mit dem «Sternen», wo seit 1639 ein Restaurant ist, weitergeht, weiss er nicht. «Die Lage ist nicht gerade günstig, um das Gebäude zu verkaufen.» Er müsse sich das alles durch den Kopf gehen lassen, wenn die Emotionen sich gelegt haben. Und seine persönliche Zukunft? Auch diese sei ungewiss. Private Probleme und die Schliessung des «Sternen» lassen Bakker aktuell keine Zukunft in der Schweiz sehen. «Ganz Europa ist eine Option, auch wenn dieser Schritt mir Angst macht», sagt der 50-Jährige.

Solches Ende nie geahnt

Was noch bleibt, ist aufzuräumen. Und die Gedanken und Emotionen zu ordnen. Diese kommen nicht nur beim Wirt selber immer wieder hoch. «Obwohl sie es ahnten, sind auch die Mitarbeitenden sehr traurig», sagt Bakker. Tränen flossen, auch bei Leuten aus dem Dorf, die vor einer Woche vor verschlossenen Türen standen. Und auch bei Danny Bakker versagt ab und zu die Stimme. «Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich noch 20 Jahre so weitermache, aber dass es so endet, das hätte ich nicht gedacht.»

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